Wirtschaftshistoriker: «EU-Verträge bringen nichts – aber wir verlieren viel»
Tobias Straumann, Professor für Wirtschaftsgeschichte der Universität Zürich, hat die EU-Rahmenverträge unter die Lupe genommen. Fazit: «Wirtschaftlich bringen sie praktisch nichts, politisch verlieren wir weiter an Souveränität», sagt er der «NZZ».
Die Verträge würden sich wirtschaftlich längerfristig rächen, weil unsere Wirtschaftspolitik schlechter werde. Zudem verlöre die Schweiz ihre Flexibilität: «Weil wir in den Binnenmarktabkommen die vielen Tausend Vorschriften der EU übernehmen müssten. Es gibt Länder, denen das egal ist und die sich durchmogeln. Die Schweiz zählt nicht dazu.» Allerdings habe die Schweiz schon mit den Bilateralen I an Souveränität eingebüsst.
«Völlig quer in der Landschaft»
Wer die Verträge im Detail anschaut, merkt eines schnell: Sie dürften bei vielen Interessengruppen enormen Widerstand erzeugen. Straumann geht deshalb davon aus, dass die Vorlage beim Volk nie durchkommen wird. Für ihn steht die Verwaltung – und der Bundesrat – daher neben den Schuhen. «Ein wachsender Teil der Bevölkerung stört sich an der hohen Zuwanderung. Nun will der Bundesrat mit den EU-Verträgen noch mehr Freizügigkeit. Dieses Anliegen steht völlig quer in der Landschaft», meint Straumann.
Von wegen «massgeschneidert»
Was, wenn die Schweiz die Verträge ablehnt? Für Straumann wäre das nur eine Bestätigung, dass der Aufbruch der Neunzigerjahre verflogen ist. Die EU habe an Glanz verloren. Nur der Bundesrat scheint nach wie vor fasziniert von Brüssel. Dabei ist eines für Straumann klar: «Die EU strebt einen möglichst homogenen Binnenmarkt an, das ist ihr Ziel für Europa. Und das heisst, dass sie die Schweiz mehr und mehr integrieren will.» Von «massgeschneiderten Verträgen» kann nicht die Rede sein.
Auch die vom Bund in Auftrag gegebene Studie zerlegt Straumann. Kurz: Die negativen Folgen der EU-Wirtschaftspolitik wären für die Schweiz wesentlich schlimmer als ein Wegfall der Bilateralen – «wenn die EU weiterhin alles und jedes regulieren will und so die Investitionstätigkeit bremst», erklärt Straumann.
«Heilige Kuh»: Personenfreizügigkeit?
Der renommierte Wirtschaftshistoriker bezweifelt auch, dass die Personenfreizügigkeit einen wesentlichen Vorteil darstellt: «Mit Kontingenten war das Produktivitätswachstum in den Achtzigerjahren nicht schlechter als später mit der Freizügigkeit.» Die Zuwanderung schaffe eine neue Nachfrage nach Personal in Schulen und Spitälern. Das Beschäftigungswachstum finde vor allem beim Staat statt. «In der Industrie hingegen stagniert die Zahl der Beschäftigten.»
Der Alleingang war auch kein Nachteil im Zollstreit mit den USA: «Grossbritannien hat dank Brexit einen besseren Deal als die EU erhalten», betont Straumann – und ergänzt: «Wer meint, wir hätten mit den Verträgen auf Jahre hinaus stabile Beziehungen, macht sich etwas vor. Die EU ist ein Projekt, das sich laufend verändert, und damit tun sich auch viele EU-Mitglieder schwer.»